Tribute Song Interpretation

“Went to see the Gypy”
By Bob Dylan

Bekanntermaßen gibt es ungezählt viele Tribute Songs über Elvis, aber nur wenige davon (wie etwa “Black Velvet” von Alannah Myles oder „Walking in Memphis“ von Marc Cohn) sind wirklich gut. Der wirklich beste „Tribute Song“, den es je gegeben hat, ist aber meiner Meinung nach „Went to see the Gypsy“ von Bob Dylan. Dieser ist erschienen auf der LP „New Morning“ von 1970. Er beschreibt autobiographisch in der für Dylan typischen Weise mit kraftvoll lyrischen Worten seine Begegnung mit Elvis im Rahmen eines Elvis-Konzerts, das Bob besucht hat. Interessant ist, dass jedoch selbst viele Dylan-Fans nicht wissen, worum es in „Went to see the Gypy“ eigentlich geht – da der Text in gewisser Weise „verschlüsselt“ ist. Für Elvis-Fans ist das Ganze jedoch ziemlich offensichtlich, wenn es auch im Einzelnen viel am Text zu interpretieren gibt. Genau das möchte ich im folgenden nun tun. Aber zunächst einmal der Text als Ganzes:

Went to see the Gypsy
(Bob Dylan)

Went to see the gypsy,
Stayin' in a big hotel.
He smiled when he saw me coming,
And he said, "Well, well, well."
His room was dark and crowded,
Lights were low and dim.
"How are you?" he said to me,
I said it back to him.

I went down to the lobby
To make a small call out.
A pretty dancing girl was there,
And she began to shout,
"Go on back to see the gypsy.
He can move you from the rear,
Drive you from your fear,
Bring you through the mirror.
He did it in Las Vegas,
And he can do it here."

Outside the lights were shining
On the river of tears,
I watched them from the distance
With music in my ears.

I went back to see the gypsy,
It was nearly early dawn.
The gypsy's door was open wide
But the gypsy was gone,
And that pretty dancing girl,
She could not be found.
So I watched that sun come rising
From that little Minnesota town.

Ich bespreche nun die einzelnen Strophen, und dabei jeweils die Schlüsselwörter bzw. Zeilen, die einer Interpretation bedürfen:

Strophe #1

Went to see the gypsy

Interpretation:


Warum ist Elvis “the gypsy”? Nun, zunächst liegt es nahe, daß sich das auf seine Bühnenkostüme bezieht, die schon 1969 etwas durchaus “Exotisches” an sich hatten. Weiterhin ist Elvis` damalige Erscheinung als Ganzes in Betracht zu ziehen: Braungebrannt, dunkel, schwarzes, gelegentlich etwas zerzaustes Haar. Aber das sind nur Oberflächlichkeiten. Worum es auf einer tieferliegenden Ebene zu gehen scheint ist folgendes: Der „gypsy“ hat etwas „magisches“ an sich. Zu ihm geht man, wenn man sich sein Schicksal vorhersagen lassen möchte, oder wenn man Probleme hat, die man der „Schulmedizin“ nicht zutraut zu lösen. Dem Gypsy werden geheimnisvolle Fähigkeiten zugeschrieben – siehe dazu auch weiter unten, Strophe #2.

Stayin' in a big hotel.

Erläuterung:


Das ist klar: Wir stellen uns Elvis vor, an einem für seine Gigs und Touren typischen Aufenthaltsort – ein „großes Hotel“, so wie das „International“ in Vegas. (Dass es sich hier wirklich um das „International“ handeln könnte, ist zwar eigentlich aufgrund späterer Textstellen ausgeschlossen. Siehe jedoch meine Thesen am Schluß von Strophe #3)

He smiled when he saw me coming,
And he said, "Well, well, well."

Interpretation:


Elvis erkennt ganz offenbar Bob. Wir wissen, daß Elvis – was er auch immer sonst von der Person Dylans gehalten haben mag – diesen als Songschreiber sehr schätzte, und auch dass Elvis neben Rock`n Roll, Blues, Country, Balladen auch ein Interesse an „moderner“ Folk-Musik hatte, so wie sie auch durch Bob Dylan zu jener Zeit populär gemacht worden war. 1971 hätte Elvis beinahe ein Folk-Album aufgenommen (wenn ihm nicht während der entscheidenden Studio-Session das Glaukom in die Quere gekommen wäre). Elvis hatte bereits 1966 Dylans „Tomorrow is a long time“ aufgenommen – worüber dieser gesagt haben soll, es sei die beste Interpretation eines seiner Songs durch einen anderen Künstler. Während der Mai-Studio-Session 1971 gibt Elvis durch ein beeindruckendes Fragment zwischen Takes ziemlich deutlich zu erkennen, dass er gerne „I shall be released“ aufnehmen würde, und es wird zudem beim „Aufwärmen“ „Don`t think twice it`s all right“ mitgeschnitten. Aber nicht nur das! Dylan´s „Blowin`in the wind“ gefällt Elvis offenbar so gut, dass er das Stück (schon 1966) im privaten Rahmen singt (und da wurde es zum Glück auch als "Homerecording" mitgeschnitten).

His room was dark and crowded,
Lights were low and dim.

Interpretation:

Wieder ein eindeutiger Hinweis (wenn es nach “Well, well, well” überhaupt noch einen braucht), daß es hier in der Tat um eine Begegnung mit Elvis geht. Die Fenster von Elvis` Hotelzimmer waren immer mit Alufolie ausgekleidet, das Licht immer gedämpft (zudem liefen immer Fernsehapparate, deren Ton abgedreht war). Daß das Hotelzimmer mit Besuchern gefüllt war, lässt darauf schliessen, dass es sich hier um eine „Aftershow-Party“ handelt, wie es für Elvis nach Auftritten in dieser Zeit typisch war. Das Setting ist also so zu deuten, dass Bob ein Elvis-Konzert besucht hat und nun die anschliessende Party in Elvis` Suite besucht. Dass es sich entsprechend um eine späte Stunde mitten in der Nacht gehandelt haben muss, wird auch aus späteren Stellen im Text deutlich.
Diese Textstelle zeigt im übrigen, dass Dylan eine sehr genaue Beobachtungsgabe besitzt und macht es meiner Ansicht nach wahrscheinlich, dass eine solche Begegnung wirklich stattfand.

"How are you?" he said to me,
I said it back to him.

Interpretation:


Offenbar sind beide etwas schüchtern und verlegen, und es kommt daher zu keiner über das freundlich-respektvolle Grüssen hinausgehenden Unterhaltung.

Strophe #2

A pretty dancing girl was there,

Interpretation:


Ich denke, es handelt sich hier um einen weiblichen Fan, der versucht, sich in Elvis` Nähe aufzuhalten. Die Schlüsselstelle des Songs folgt nun. Sie besteht in dem, was das „dancing girl“ zu Bob Dylan sagt, und sie zeigt sein GROSSARTIGES lyrisches Talent:

He can move you from the rear,
Drive you from your fear,
Bring you through the mirror.


Eine geniale Beschreibung dessen, was Elvis – “the gypsy”- in seinen Shows mit den Hörern macht – besser hat es noch niemand ausgedrückt! Im Einzelnen:

He can move you from the rear,

Interpretation:


“Move” ist hier selbstverständlich im Sinne von “emotional bewegen” gemeint. Aber Elvis kann Dich nicht nur bewegen, er tut das „from the rear“ - „aus dem Hintergrund“. Elvis „strahlt“ nicht einfach Freude, Rhythmus usw. aus, die dich dann von der Bühne her erreichen. Die emotionale Reaktion scheint dich vielmehr wie eine unsichtbare Hand "von hinten" zu berühren und zu durchfahren. Sie ist dadurch noch viel eindrucksvoller als wenn sie eine „direkte“ Wirkung dessen wäre, was man auf der Bühne sieht und hört. Elvis wird hier als ein Mann mit geradezu mystisch überhöhten Fähigkeiten, sein Publikum zu beeinflussen, dargestellt.

Drive you from your fear,

Interpretation:


Auch hier wieder eine gegenüber dem Üblichen merkwürdig “invertierte” Darstellung: Elvis vertreibt nicht Deine Sorgen und Ängste, sondern er bringt vielmehr DICH von diesen weg. Du lässt die Ängste „stehen“ – zumindest für die Dauer eines Konzerts.

Bring you through the mirror.

Interpretation:


Hinter dem Spiegel liegt eine andere Welt. Elvis verändert deine Welt indem er dich „durch den Spiegel hindurch bringt“. Wichtig ist, dass dies nicht eine „total verrückte“ Welt ist, eine „Alice im Wunderland“-Realität, wie sie etwa durch LSD ausgelöst werden könnte. Die Spiegelwelt ist wie unsere, nur ist was links war jetzt rechts und umgekehrt. Du bist durch die Musik sozusagen innerlich „umgekrempelt“ und siehst die Wirklichkeit nun anders und – so wird suggeriert – in positiver Weise „besser“.

He did it in Las Vegas,
And he can do it here.

Erläuterung:


Ein Hinweis auf das mythisch-legendäre Live-Comeback in Las Vegas 1969. Zugleich ein erster Hinweis darauf, dass sich die Begegebenheit selbst NICHT in Las Vegas abspielt, sondern später.

Bridge

Outside the lights were shining
On the river of tears,

Interpretation:


Ok, es ist also Nacht und die Lichter der Stadt leuchten. Aber was ist der „river of tears“? Wenn es sich – wie später bekundet – um eine Stadt in Minnesota handelt, dann dürfte damit der Mississippi gemeint sein. Aber das erklärt nicht, warum dieser als ein „river of tears“ bezeichnet wird – es sei denn, es ist die Beschreibung eines Eindrucks der entsteht, wenn man einen Fluß betrachtet während es regnet. Ich vermute jedoch, dass wir es hier noch mit einer tieferliegenden Metapher zu tun haben, deren Sinn sich mir aber leider noch verschließt.

I watched them from the distance
With music in my ears.

Interpretation:


Die Musik “in seinen Ohren” ist sehr wahrscheinlich keine, die er von irgendwo her hört, während er gerade die Lichter der Stadt betrachtet. Vielmehr scheint es, dass ihm noch die Musik des vorausgegangenen Konzerts, das er besucht hat, im Kopf herumgeht. Jedenfalls ist diese Interpretation konsistent damit, dass er gerade eine Stippvisite auf Elvis` Aftershow-Party gemacht hat.

Strophe #3

I went back to see the gypsy,
It was nearly early dawn.

Erläuterung:


Unverkennbarer Hinweis auf die Tageszeit. Legt neuerlich die These von der Aftershow-Party (nach einer Midnight-Show) nahe.

The gypsy's door was open wide
But the gypsy was gone,

Erläuterung:


Elvis war ein "Nachtmensch": tagsüber wird geschlafen und in der Nacht gelebt – im Morgengrauen zieht er sich regelmäßig zurück und geht zu Bett oder ist (wie hier) schon wieder weg.

And that pretty dancing girl,
She could not be found.

Erläuterung:


Tja, dumm gelaufen, Bob … :D

So I watched that sun come rising
From that little Minnesota town.

Interpretation:


Jetzt wird`s schwer. Warum? Man könnte meinen, dass sich die Begebenheit am 5.11.1971 abgespielt könnte – da war Elvis nämlich das erste Mal seit seinem Comeback in Las Vegas in Minnessota (Minneapolis). Diese schöne Theorie hat allerdings einen kleinen Fehler: sie ist falsch. Denn „Went to see the gypsy“ wurde 1970 geschrieben. Das Problem ist nun, dass Elvis 1970 zwar schon außerhalb von Vegas auf Tour war, aber eben nicht in Minnessota. Ein Dylan-Kenner, mit dem ich mich darüber unterhalten habe, hat daher vermutet, es handele sich bei der Geschichte nicht um die Darstellung einer wirklichen Begegnung, sondern um die Schilderung eines Traums. Dafür spräche auch die „surreale“ Atmosphäre des Songs. Nun, das mag so sein. Aber es ist mir andererseits zu einfach. Dagegen spricht u.a. die sehr korrekte Beschreibung der Umstände einer typischen Aftershow-Party, insbesondere die Beschreibung der Lichtverhältnisse in Elvis`Suite, und auch die sehr stimmige Beschreibung von Elvis` Verhalten. Ich vermute daher etwas ganz anderes: Bob Dylan hat 1969 ein Elvis-Konzert in Vegas besucht, und ihn DORT getroffen. Demnach wäre das „big hotel“ in der Tat das International! Nun wäre es aber in gewisser Weise „platt“ zu schreiben „Ich traf Elvis in Las Vegas im International“. So verschlüsselt Dylan nicht nur den Verweis auf Elvis indem er ihn „the gypsy“ nennt, sondern erfindet zudem ein späteres Treffen in einer „Kleinstadt in Minnesota“. Damit wird der Verweis auf Vegas noch viel eindrucksvoller: Durch die Verlegung in die Vergangenheit erfährt das Vegas-Comeback eine geradezu mythische Verklärung, eine, die unsere kleine Geschichte nicht leisten könnte, wenn sie so geschildert wäre, dass die 69er Season gerade aktuell stattfindet!

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die die Musik zu „Went to see the gypsy“ betrifft. Vielleicht „höre“ ich ja schon Gespenster, aber während die Melodie und musikalische Begleitung zum dem Song bis Textende durchgehend „typisch Dylan“ ist, gibt es hier ein etwas länger dauerndes instrumentales „Fade-Out“, das ganz am Ende (etwa 2-3 Sekunden bevor man nichts mehr hört) in einen uptempo Rythm&Blues übergeht, wo sich alles in etwas wie der Beginn bei einem 69er Elvis-Konzert anhört! Man glaubt förmlich, James Burton spielen zu hören …